Das Museum wird zum Spielfeld, die Besuchenden werden zu Akteur*innen oder Beobachter*innen an der Seitenlinie: Die Ausstellung beleuchtet Sport aus künstlerischer Perspektive. Was geschieht, wenn man Regeln verändert oder völlig neu denkt? Funktionen und Formen von Sportgeräten abwandelt? Oder Sport vom Leistungsgedanken befreit?
Internationale Künstler*innen hinterfragen soziale, kulturelle und gesellschaftliche Dimensionen von Sport. Viele Kunstwerke laden zur aktiven Beteiligung ein: an einer Tischtennisplatte mit Hindernissen, an einem etwas anderen Schachbrett oder mit Bällen, die nicht rund sind. Als Massenphänomen verbindet Sport Menschen und fördert Gemeinschaft. Er stiftet Identität. Gleichzeitig sind Barrieren und Einschränkungen der Teilhabe allgegenwärtig – diese gilt es zu überwinden.
Das Projekt entstand in Kooperation mit den Vereinen beneFit und Ring Freiburg, Schirmherr ist Christian Streich.
mit/with/avec Astrid Heibach | Basim Magdy | Erwin Wurm | Guido van der Werve | Jack Goldstein | Jean Jacoby | Lygia Clark | Mark Bradford | Mario* Sinnhofer | Michael Klant | Pelle Cass | R. Eric McMaster | Thenjiwe Niki Nkosi | Thomas Liu Le Lann | VALIE EXPORT | Yoko Ono | Zuzanna Janin
Thomas Liu Le Lann, Training Part IX, 2026. Courtesy of the artist. Xippas Geneva und Privatsammlung, Foto: Bernhard Strauß
Basim Magdy: PINGPINPOOLPONG ( or how I learned to laugh at failure ), 2018, Foto: Bernhard Strauss
Erwin Wurm, The Half Truth, 2016, Foto Bernhard Strauss
R. Eric McMaster_A Change in Atmosphere_2015_Filmstill_Courtesy of the artist
Astrid Heibach, I did it, 1990/2026, Filmstill, Courtesy of the Artist, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Thomas Liu Le Lann_Training Part IX_2026_Courtesy of the artist_Xippas Geneva und Privatsammlung_Foto_Julien Gremaud
Rundgang durch die Ausstellung mit Schirmherr Christian Streich
Foto: Museen Freiburg
Museen Freiburg App
Hören Sie Christian Streichs Assoziationen und Gedanken zu den Arbeiten in der Ausstellung.
Thomas Liu Le Lann: TRAINIG IX, 2026
Boxen wird oft mit Härte und Kraft verbunden. Die dafür erforderliche Entschlossenheit, Zähigkeit und Unnachgiebigkeit sind eng verknüpft mit einem klischeehaften Bild von kraftstrotzender Männlichkeit. Thomas Liu Le Lann untersucht diese Zuschreibungen in seiner Arbeit ‚Training Part IX‘. Die rosa-farbenen Boxhandschuhe aus Glas sind Teil seiner Serie zu postheroischen Männlichkeitsbildern. Indem er ein Symbol der Kraft in ein fragiles Objekt verwandelt, entsteht eine Spannung zwischen dem zerbrechlichen, transparenten Material, und der Gewalt des Boxsports. Die Wahl der Farbe Rosa, stereotypisch mit Sanftheit und Verletzlichkeit verbunden, verstärkt diesen Effekt. Der Künstler hinterfragt, wie Männlichkeit im Sport anders gedacht werden kann: nicht nur über Aggression oder Leistung, sondern offen für Verletzlichkeit, Sensibilität und intimere, weniger dominante Form von Stärke
Thomas Liu Le Lann: TRAINIG IX, 2026, Courtesy of the Artist, Xippas Geneva und Privatsammlung, Foto: Bernhard Strauss
Guido van der Werve: Nummer dertien, 2011
Im künstlerischen Schaffen von Guido van der Werve ist der Sport einer seiner Schwerpunkte. Für den Künstler kann dieser Emotionen unmittelbar auslösen und gleichzeitig helfen, den Kopf frei zu bekommen und durch den Einklang von Körper und Geist die Intuition zu trainieren. In der künstlerischen Auseinandersetzung mit Sport möchte er Werke schaffen, die für alle Altersgruppen und ohne sprachliche Hürden verständlich sind. Das dreiteilige Werk zeigt van der Werve in verschiedenen Aktionen: Beim Bergsteigen, beim Langstreckenlauf und beim 12-stündigen Lauf um sein Haus. Dabei bringt sich der Künstler an seine körperlichen und psychischen Grenzen und erfährt dabei die Vielzahl an Emotionen, die Sport auslösen kann – von Freude über Enttäuschung bis hin zur emotionalen Leere. Er stellt zudem die Frage, warum wir uns überhaupt körperlich betätigen: Geht es darum, Strecke zurückzulegen und voranzukommen? Die Muskeln zu stärken? Oder uns gesundheitlich, mental und physisch etwas Gutes zu tun?
Jean Jacoby: Fußball-Kampf Hertha-Nürnberg. Der Weg des Balls in 90 Minuten (für B.Z. am Mittag, 13.6.1927 ) 1927
Ein schneller Pass, ein direkter Schuss – und: Abseits. Das Spiel wendet sich. Der Ball fliegt von der Mittellinie Richtung Tor, übers Tor hinaus, Ecke, dann Elfmeter – gehalten! Ein Fußballspiel in all seiner Dynamik: Wie lässt sich diese Bewegung auf Papier festhalten? Jean Jacoby fand eine ungewöhnliche Antwort. Er stellte nicht die Spieler in den Mittelpunkt, sondern übersetzte das Spiel für die ‚BZ am Mittag‘ in eine Art grafische Partitur. Hier lässt sich jede Ballbewegung des gesamten Spiels verfolgen – vom Anstoß bis zum Tor, von der Ecke bis zum gefährlichen Angriff. In der sportbegeisterten Weimarer Republik, als Fotos in Zeitungen noch kaum eine Rolle spielten, prägten Zeichnungen die Sportberichterstattung. Jacoby war ab 1926 als Sportzeichner für den Berliner Ullstein Verlag tätig. Selbst begeisterter Amateursportler wurde der Luxemburger zweimaliger Olympiasieger in der Kategorie Kunst, die von 1912 bis 1948 olympisch war!
Valerie Export: Ping Pong. Ein Film zum Spielen – ein Spielfilm 1968
Ein schwarzer Punkt springt auf der Wand hin und her. Tischtennisschläger und -ball liegen bereit: Spiel mit! Triff den projizierten Ball mit dem echten, werde Teil des Films! Als „preisgekrönten Spielfilm“ bewarb die österreichische Medienkünstlerin VALIE EXPORT ihre Arbeit, die beim Festival ‚junger film 68‘ in Wien ausgezeichnet wurde. EXPORT setzt sich kritisch mit dem Medium Film und der Konsument*innenhaltung im Kino auseinander: Wer ist aktiv und wer reagiert,wer bestimmt die Regeln und wer folgt ihnen? EXPORT fordert die Zuschauenden hier auf, mitzumachen. Und doch bleibt die Aktion eine Reaktion auf das Vorgegebene. Kritisch befragt sie die Beziehung zwischen Regisseur*in und Zuschauenden. So bringt sie Menschen in Bewegung – im doppelten Sinne: im sportlichen Spiel und im Geistigen, in der Reflexion der Konsument*innenhaltung. Wie können Filme dazu beitragen, selbst aktiv zu werden?
Thenjiwe Niki Nkosi: Notes on Falling, 2026
Bei Sportwettbewerben ruhen viele Augen auf den Performances der Athlet*innen: Kampfrichter*innen, Fans, Sportkommentator*innen, Mitathlet*innen, Freund*innen und Familie. Das Ziel der Sportler*innen ist, die monate-, oft jahrelang trainierte Leistung zu diesem einen Moment fehlerfrei abzurufen. Was, wenn man ausgerechnet dann stolpert und stürzt? Können sich Athlet*innen Verletzlichkeit erlauben? Wer eilt zu Hilfe? Die installative Wandarbeit ist extra für diese Ausstellung in Auseinandersetzung mit Themen wie Hindernisse und Verletzlichkeit im Sport entstanden. Was Nkosi interessiert, ist die Vorstellung, dass hier eine Schwarze Person „jeden Menschen“ repräsentiert. Macht es einen Unterschied, ob ein weiblicher, männlicher oder non-binärer Körper scheitert? Welche Rolle spielen dabei die ständig präsenten Kameras der Fans? Wie behält man Würde und Kontrolle?
Thenjiwe Niki Nkosi, Studies for Notes on Falling, 2026, Courtesy of the artist and Stevenson, Cape Town, Amsterdam
Basim Magdy: PINGPINPOOLPONG ( or how I learned to laugh at failure ), 2018
Ein Tischtennisspiel wie gewohnt? Das wird hier nicht funktionieren! In der installativen Arbeit PINGPINPOOLPONG lenken Hindernisse auf der Platte den Ball beinahe unkontrollierbar in alle Richtungen. Auch das strategische Austauschen dieser Hürden hilft nur teilweise. Regeln an der Wand fordern außerdem dazu auf: Lacht über euer Scheitern, genießt die Zufälligkeit und feiert zusammen – egal wer gewinnt und wer verliert. Wer hier spielt, wird mit Hindernissen konfrontiert: Da ein Spielen wie gewohnt nicht funktioniert, liegt es an uns, neue Wege zu finden. Wie gehen wir mit Hindernissen um? Wie können wir sie in unser Tun einbauen? Können wir sie überhaupt überwinden? Dabei kann eine Änderung der Herangehensweise helfen: Was, wenn die Hindernisse als „neue Freunde“ verstanden werden? Wie kann eine neue Betrachtungsweise unsere Spielerfahrung beeinflussen? Was passiert, wenn wir Spielregeln ändern?
Basim Magdy: PINGPINPOOLPONG ( or how I learned to laugh at failure ), 2018, Foto: Bernhard Strauss